Ängste: 10 Tipps für Angehörige

„Erst der Mut zu sich selbst wird den Menschen seine Angst überwinden lassen"

(Viktor Frankl)

Hände halten vor Sonnenuntergang

Angehörige von Personen, die unter Ängsten leiden, tragen durch ihr Verhalten sehr häufig unwissentlich zu einer Verstärkung der Problematik bei. Zugleich verlassen sich Betroffene oft stark auf die Unterstützung ihrer engsten Bezugspersonen (z.B. Partner/in) in der Annahme, dass deren Anwesenheit bei der Bewältigung angstauslösender Situationen hilfreich sei. Dafür zahlen sie jedoch einen hohen Preis, da sich zunehmend die falsche Überzeugung festigt, derartige Situationen nicht aus eigener Kraft bewältigen zu können. Schließlich entsteht ein Teufelskreis aus wachsender Abhängigkeit und verminderter Selbstwirksamkeit bei gleichzeitig fortbestehender Angst.


Die folgenden 10 „Do’s and Dont’s“ sollen einen Ausweg aus dieser Problematik ermöglichen und damit Angehörigen und Betroffenen gleichermaßen helfen. Richtig umgesetzt, können die folgenden Ratschläge maßgeblich dazu beitragen, dass Betroffene ihre Unabhängigkeit und Selbstsicherheit wiedererlangen, was somit letztlich auch ihren Angehörigen zu Gute kommt.


Tipp Nr. 1: Identifizieren Sie gemeinsam kontraproduktive Sicherheitsverhaltensweisen und reduzieren Sie diese schrittweise:


Beobachten und notieren Sie zunächst gemeinsam alle vermeintlichen Sicherheitsstrategien im Umgang mit der Angst des/r Betroffenen. Kurzfristig erleichternde, aber langfristig angstaufrechterhaltende „Sicherheitsstrategien“ Angehöriger umfassen zum Beispiel:

  • Die permanente Begleitung in angstbesetzten Situationen

  • Hinweise, dass man die angstauslösende Situation jederzeit wieder verlassen kann oder die Ermöglichung einer Flucht oder Vermeidung der Situation

  • Ablenkung von der Angst durch Gespräche

  • Wiederholte Rückversicherungen, dass „alles gut wird“ und der/die Betroffene keine Angst haben muss

  • Die stellvertretende Übernahme von Entscheidungen oder Handlungen für die betroffene Person, vor denen sie sich scheut (z.B. Autofahren, Einkaufen, Post öffnen, Telefonate etc.)

  • Ständiges Umsorgen, wiederholtes Fragen nach dem Befinden oder eine Schonung des/r Betroffenen

Nicht nur die kontraproduktiven Hilfsangebote des Angehörigen, sondern auch das Sicherheitsverhalten des/r Betroffenen selbst gilt es zu erkennen und schrittweise auszuschleichen, um deren negativen Einfluss auf die Symptomatik zu minimieren. Auch wenn es zunächst unmöglich klingen mag, sich ohne Begleitung in angstbesetzte Situationen zu begeben – nur so ist ein Wiedererlangen von Kontrolle und Unabhängigkeit möglich. Überlegen Sie gemeinsam, wo zunächst noch Hilfestellungen benötigt werden und wo diese kontraproduktiv sind. Planen Sie gemeinsam das Vorgehen.


Tipp Nr. 2: Übernehmen Sie keine Pflichten und Aufgaben, welche die betroffene Person selbst erledigen könnte, weil sie sich nicht traut:


Hier ist als Angehöriger Zurückhaltung gefragt, damit die Person lernt, bestimmte Dinge wieder selbst zu regeln. Die dadurch ermöglichten Erfolgserlebnisse stärken das Selbstwirksamkeitserleben und Selbstvertrauen im Umgang mit herausfordernden und angstbesetzten Situationen!


Tipp Nr. 3: Seien Sie nicht permanent für die betroffene Person (telefonisch etc.) verfügbar:


Die physische Distanz ohne permanente Erreichbarkeit ist wichtig, damit die Person lernt, auf sich selbst gestellt mit angstbezogenen Situationen zurechtzukommen und um positive Bewältigungserfahrungen zu machen. Hier geht es natürlich nicht um ein absolutes Kontaktverbot oder um die Kontaktaufnahme in Fällen, die nichts mit der Angst zu tun haben. Es sollte daher gemeinsam vorab vereinbart werden, unter welchen Bedingungen ein Telefonanruf „erlaubt“ ist (z.B. echte Notfälle) und wann nicht. Denken Sie daran: Die permanente Verfügbarkeit von externer Unterstützung führt langfristig zur Überzeugung des/r Betroffenen, objektiv ungefährliche Situationen nicht alleine bewältigen zu können, wodurch die Angst langfristig fortbesteht.


Tipp Nr. 4: Lassen Sie sich selbst aufgrund der Angst des/r Betroffenen nicht von Dingen abbringen, die Ihnen wichtig sind:


Schränken Sie Ihre sozialen und freizeitlichen Aktivitäten (z.B. Ausflüge, Einladungen o.Ä.) nicht zugunsten des/r Betroffenen ein, da damit nur ungünstiges Vermeidungsverhalten verstärkt wird und Ihre Beziehung langfristig darunter leidet. Laden Sie die Person ein, mitzukommen und an allem teilzunehmen, aber zwingen Sie sie nicht. Gehen Sie notfalls auch alleine. Wenn Sie sich zu sehr auf den eingeschränkten Bewegungsradius des/r Betroffenen einlassen, besteht für diese/n keinerlei Anreiz zur Veränderung. Lassen Sie sich also nicht in die Vermeidung mit hineinziehen! Seien Sie aber dennoch unterstützend und motivieren Sie die Person, wo nötig.


Tipp Nr. 5: Verstärken Sie das Problemverhalten nicht durch übermäßige Aufmerksamkeit:


Betroffene werden zunächst mehr Angst und Unwohlsein empfinden, wenn Sie Ihrer Rolle als stets verfügbarer Sicherheitsanker in angstbesetzten Situationen nicht mehr nachkommen. Genau dies ist aber zentral, um das Selbstvertrauen und die Unabhängigkeit der Person zu stärken und das Problem langfristig zu überwinden. Klagende oder vorwurfsvolle Äußerungen aufgrund Ihrer angemessenen Zurückhaltung sollten Sie daher geduldig und gleichmütig übergehen, anstatt diese durch übermäßige Beachtung oder Entgegenkommen zu verstärken. Ermutigen Sie zur Eigenständigkeit, anstatt das Problem durch eine ungünstige Helferdynamik zu verstärken.


Tipp Nr. 6: Vermeiden Sie Kritik oder Zwang zur Veränderung:


Letztendlich müssen Betroffene selbst den ersten Schritt zur Überwindung ihrer Angst machen. Als Angehörige/r können Sie lediglich ein wohlwollendes und ermutigendes Gespräch in Richtung sinnvoller Maßnahmen zur Angstbewältigung anstoßen. Falls die Bereitschaft zur Veränderung besteht, überlassen Sie ihm/ihr selbst die Entscheidung über die Art des Vorgehens (eigenständig – mit Ihrer Hilfe – oder mit professioneller psychologischer Unterstützung). Bleiben Sie beharrlich, aber erzwingen Sie nichts. Signalisieren Sie lieber Geduld, als Ihre Unterstützung von jetzt auf gleich zu untersagen. Zudem ist es sehr wichtig, Betroffene bei Rückschlägen nicht zu kritisieren oder Druck auszuüben. Stattdessen…:


Tipp Nr. 7: Loben und ermutigen Sie die betroffene Person in ihren Bestrebungen, etwas gegen die Angst zu tun:


Angemessene emotionale Unterstützung und das gemeinsame Feiern von Teilerfolgen sind sehr starke Motivatoren auf dem Weg der erfolgreichen Angstbewältigung. Denken Sie daran: Es erfordert oftmals großen Mut, sich den eigenen Ängsten zu stellen. Zögern Sie daher nicht mit Lob für die erbrachten Bemühungen und Erfolge. Ebenfalls sehr motivierend ist das gemeinsame Antizipieren einer positiven Zukunft und der vielen Möglichkeiten nach erfolgreicher Überwindung der Angst.

Tipp Nr. 8: Lassen Sie die betroffene Person zunehmend alleine üben, sich angstbesetzten Situationen zu stellen:


Wenn Sie in einer Angstbewältigungssituation dennoch anwesend sind, ermutigen Sie sie zum Durchhalten, insbesondere wenn Flucht- oder Vermeidungstendenzen offensichtlich werden und zwar so lange, bis die Angst vollständig wieder abgeklungen ist. Reden Sie ihr dabei aber nicht permanent gut zu oder lenken sie durch Gespräche ab, sondern ermutigen Sie sie zur Konzentration auf die Angst. Geben Sie dem/r Betroffenen auch nicht vor, was zu tun ist, sondern geben Sie nur im Bedarfsfall Hilfestellungen zur Selbsthilfe. Auch hier lautet das Stichwort Zurückhaltung. Verringern Sie Ihre Anwesenheit schrittweise, bis der/die Betroffene die gemiedenen Situationen wieder ganz alleine bewältigen kann.


Tipp Nr. 9: Hinterfragen Sie Ihre eigenen Beweggründe, dem/r Betroffenen zu „helfen“:


Die ungünstige Verstärkung des Vermeidungsverhaltens des/r Betroffenen durch Hilfsangebote hat oftmals auch angenehme Folgen für Angehörige, woraus sich aber schnell ein Teufelskreis entwickelt. Fragen Sie sich daher, ob es für Sie möglicherweise auch Vorteile hat, für die Person da zu sein, z.B. in Form von Anerkennung, Zuneigung oder der Vermeidung von Streitigkeiten. Stellt das Umsorgen Ihrer unter Ängsten leidenden Partnerin oder Ihres Partners möglicherweise eine positive Lebensaufgabe für Sie dar oder befriedigt es Ihr Bedürfnis, als Helfer/in wahrgenommen zu werden? Eine derartige Beziehungsdynamik kann maßgeblich zur Aufrechterhaltung der Ängste beitragen!


Umgekehrt kann die zukünftige Angstfreiheit des/r Betroffenen auch Nachteile mit sich bringen. Setzen Sie sich als Angehörige/r daher kritisch mit folgenden Fragen auseinander:

  • Was würde sich für Sie zum Negativen verändern, wenn der/die Betroffene die Angst verlieren würde oder zu selbstständig wird?

  • Welche negativen Folgen hätte dies unter Umständen für Ihre Beziehung und Ihre gemeinsame Lebensgestaltung?

  • Welche Konflikte oder Risiken könnten sich durch die Angstfreiheit ergeben?

Ein weiterer offensichtlicher Faktor, der die Angst von Betroffenen aufrechterhält, sind eigene Ängste, die denen des Partners oder der Partnerin ähneln und somit eine gemeinsame Vermeidung des Problems begünstigen.


Tipp Nr. 10: Ermutigen Sie die betroffene Person, offen über ihre Angst zu sprechen:


Oftmals verstricken sich Betroffene in ein Netz aus Notlügen, um ihre Angst vor anderen Menschen zu verheimlichen. Scham und Angst vor Bloßstellung führt sehr oft zur Geheimhaltung der Problematik, was jedoch starken inneren Druck auslöst. Meist wissen noch nicht einmal die engsten Angehörigen von der bestehenden Symptomatik. Ein erster Schritt, um den Teufelskreis aus Angst und Scham zu durchbrechen, liegt daher in der Ermutigung Betroffener, zu ihrer Angst zu stehen und offen über diese zu sprechen. Bereits ein Vier-Augen-Gespräch kann die emotionale Last lindern und helfen, falsche Befürchtungen zu korrigieren. Ermutigen Sie die Person dazu, zu ihrer Angst zu stehen und das anstrengende Versteckspiel vor dem sozialen Umfeld schrittweise aufzugeben, um sich dann innerlich freier auf die Bewältigung ihrer Angst zu konzentrieren.


Fazit:

Als Angehörige/r können Sie mit der richtigen Form der Unterstützung viel erreichen, mit dem falschen Verhalten jedoch auch viel Schaden anrichten. Manche der obigen Tipps mögen vielleicht hart klingen, aber vergessen Sie nicht: Durch eine unangemessene Zuwendung und Aufmerksamkeit tun Sie weder sich noch dem/r Betroffenen einen Gefallen, sondern verstärken die Problematik langfristig nur. Eine gute Balance aus Zurückhaltung und Ermutigung ist daher der Schlüssel zum Erfolg!


Falls Sie selbst unter Ängsten leiden oder Angehöriger eines/r Betroffenen sind und sich professionelle Unterstützung bei der Bewältigung der Problematik wünschen, dann setzen Sie sich gerne zur Vereinbarung eines unverbindlichen Kennenlerngespräches mit mir in Verbindung. Ich freue mich auf Ihre Kontaktaufnahme!