Die buddhistische Formel

„Unglück wird zu Glück, indem man es bejaht“

Herrmann Hesse

Spazierender buddhistischer Mönch in der Natur

In diesem Blogartikel möchte ich anhand der so genannten „buddhistischen Formel“ veranschaulichen, wie ein angemessener Umgang mit leidvollen Erfahrungen aussehen kann, die im Leben gewissermaßen unvermeidlich sind. Oftmals versuchen wir Menschen jedoch genau dies mit allen möglichen Mitteln zu erreichen – Leid zu verhindern oder zu vermeiden. In der Regel jedoch ohne nachhaltigen Erfolg. Nicht umsonst lautet eine der zentralsten Lehren des Buddhismus: „Leben ist leiden“. Und trotz dieser scheinbar unbarmherzigen Feststellung ist der Buddhismus weit davon entfernt, eine pessimistische Lebensanschauung zu vertreten – ganz im Gegenteil. Praktizierende Buddhisten sind sogar messbar glücklichere Menschen, wie die Forschung gezeigt hat. Wie lässt sich also dieser Widerspruch erklären? Wenn menschliches Leid tatsächlich unausweichlich ist, so muss die Erklärung wohl etwas mit der Art des Umgangs mit Leidenszuständen zu tun haben.


Die im Folgenden beschriebene, aus der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) stammende „buddhistischen Formel“ hat zum Ziel, die Auswirkungen der individuellen Haltung und Reaktion auf menschliches Leid zu veranschaulichen. (Keine Angst, der „mathematische Rechenaufwand“ hält sich dabei stark in Grenzen!). Sie lautet wie folgt:


L = S x W bzw. Leid = Schmerz x Widerstand


Leid ist demnach das Produkt aus einem aktuellen Schmerz (z.B. Traurigkeit, Angst, Ärger, körperlicher Schmerz etc.) multipliziert mit dem persönlichen Widerstand gegen diesen Schmerz. Anders ausgedrückt: Je stärker der Kampf gegen schmerzhafte Empfindungen, Gedanken oder Gefühle ist, umso größer ist das resultierende Leid.


Dennoch kämpfen Menschen oft unablässig gegen schmerzhafte Erfahrungen an und versuchen ihren Schmerz zu betäuben oder zu unterdrücken. Beispiele? Alkohol, Drogen, Medikamente, Ablenkung, Essen, Arbeiten, Shoppen, Sex, Medienkonsum, Selbstverletzung… Die Liste der Vermeidungsstrategien ist lang, ihre Wirksamkeit jedoch (wenn überhaupt) nur sehr kurz. Diese Formen des Widerstandes gegenüber aktuellem Schmerz lässt aus „sauberem Leid“ „schmutziges Leid“ werden und führt damit zum genauen Gegenteil dessen, was angestrebt wurde. Zur Veranschaulichung folgen zwei „Rechenbeispiele“ mit der obigen Formel (Anmerkung: 0 = minimale Ausprägung, 10 = maximale Ausprägung):


Beispiel 1: Maximaler Schmerz und maximaler Widerstand:


Leid (?) = Schmerz (10) x Widerstand (10)

Leid = 100


Beispiel 2: Minimaler Schmerz und maximaler Widerstand:


Leid (?) = Schmerz (1) x Widerstand (10)

Leid = 10


In anderen Worten: Der maximale Widerstand gegen Schmerz verzehnfacht (!) diesen!


Was resultiert also aus dieser Erkenntnis? Wohl oder übel ein Aufgeben des nicht zu gewinnenden Kampfes gegen schmerzhafte Erfahrungen. Kurz gesagt: Loslassen und akzeptieren! Warum Akzeptanz die bessere Option ist als Widerstand? Ganz einfach: Weil die aktuelle Situation bereits so ist, wie sie ist. Diese Tatsache verändert sich durch innere Auflehnung, Trotz oder Widerstand nicht im Geringsten. Und genau aufgrund dieser Unveränderlichkeit des jetzigen Augenblicks ist es geboten, den Widerstand aufzugeben und die momentane Erfahrung so anzunehmen, wie sie in diesem Moment – hier und jetzt – ist. Übertragen auf die buddhistische Formel, würde das Beispiel dann so aussehen:


Beispiel 3: Maximaler Schmerz, jedoch kein Widerstand:


Leid (?) = Schmerz (10) x Widerstand (0)

➔ Leid = 0


Je geringer der Widerstand (also je größer die Akzeptanz), umso geringer ist der Einfluss schmerzhafter Erfahrungen auf unser Empfinden von Leid. Selbst der größte Schmerz verursacht demnach kein Leiden mehr, wenn er mit einer wohlwollenden, akzeptierenden Haltung angenommen wird! Sicherlich klingt diese Feststellung in der Theorie leichter, als in der praktischen Umsetzung. Akzeptanz ist keine spontane Entscheidung, die sich auf Knopfdruck in die Tat umsetzen lässt, sondern vielmehr ein Prozess bzw. eine innere Haltung, die erst kultiviert werden muss.


Als ersten Schritt in Richtung Umsetzung empfehle ich folgende Übung: Versuchen Sie das nächste Mal, wenn ein bestimmter Schmerz auftritt, z.B. ein unangenehmes Gefühl (z.B. Angst) oder ein belastender Gedanke, diesem Schmerz Raum zu geben und sich ihm bereitwillig zu öffnen. Beobachten Sie, was passiert, wenn Sie keinen Widerstand leisten und auch keine sonstigen Vermeidungsstrategien anwenden.


Akzeptanz ist übrigens keineswegs gleichzusetzen mit passiver Resignation, sondern bezieht sich ausschließlich auf den gegenwärtigen Augenblick in seinem „So-sein“. Wenn die Möglichkeit einer positiven Einflussnahme auf zukünftiges Leid besteht, ist aktives und entschlossenes Handeln selbstverständlich zulässig und sinnvoll.


Abschließen möchte ich mit einer sinngemäßen Grundaussage der Akzeptanz- und Commitment-Therapie, die diesen Blogartikel treffend zusammenfasst:


„Wenn in deiner Außenwelt etwas ist, was du nicht willst und es loswerden möchtest, dann entferne es.

Wenn in deiner Innenwelt etwas ist, was du nicht willst und es loswerden möchtest, dann bekommst du es erst recht.“


Interessierten Leser/innen empfehle ich zur Vertiefung der Thematik noch folgendes Video: („Eckhart Tolle - Küss den Frosch“) https://www.youtube.com/watch?v=1EVFQQCb1hA

 

Für professionelle Unterstützung bei der Überwindung Ihrer Ängste stehe ich Ihnen im Rahmen meines Beratungsangebotes gerne zur Verfügung. Setzen Sie sich gerne zur Vereinbarung eines unverbindlichen Kennenlerngespräches mit mir in Verbindung. Ich freue mich auf Ihre Kontaktaufnahme!

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