Warum überhaupt Angstbewältigung? – Mein Weg zum Online-Psychologen

Psychologische Online-Beratung zur Angstbewältigung – macht das überhaupt Sinn? Und wenn ja, für wen? Mit diesen Fragen habe ich mich intensiv beschäftigt und insbesondere im Rahmen meiner („offline“-)Tätigkeit als psychologischer Psychotherapeut einige Antworten gefunden:


1. Ängste sind allgegenwärtig:

Auch wenn niemand gerne darüber spricht - Angst in ihren verschiedenen Ausdrucksformen kennt jede/r Einzelne unter uns. Und das ist auch gut so, denn in ihrer ursprünglichsten Form erfüllt die Emotion Angst die wichtige Funktion, uns vor unmittelbaren Gefahren zu warnen und uns entsprechend darauf reagieren zu lassen. In unserer heutigen – von Zeit- und Leistungsdruck geprägten – Gesellschaft sind Ängste und Sorgen ein nahezu allgegenwärtiges Phänomen. Häufig anzutreffen sind diese in Form von Leistungs- oder Versagensängsten, über Zukunfts- und Existenzängste, bis hin zur Angst vor der Angst. Auch Ängste vor ganz konkreten Situationen (z.B. vorm Zahnarztbesuch), Orten (z.B. Fahrstühle, Flugzeuge) oder Tieren (z.B. Spinnen) sind in der Allgemeinbevölkerung keine Seltenheit.

Personen in der Fußgängerzone von oben

Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens an einer ausgeprägten Angststörung zu erkranken, liegt Befragungen zufolge bei bis zu 15 % (1). Würde man diejenigen Personen, die zwar keine Angststörung aufweisen, aber dennoch unter anhaltenden Ängsten und Sorgen leiden hinzunehmen, wäre die Anzahl der Betroffenen mit Sicherheit noch deutlich höher.


So weitverbreitet Ängste in der Bevölkerung auch sind, werden sie dennoch von den meisten Menschen als belastend und somit alles andere als hilfreich erlebt. Das liegt daran, dass sie angesichts der objektiven „Gefahr“, vor der sie (oft zu unrecht) warnen, deutlich übersteigert und somit der Situation nicht mehr angemessen sind.


Nachfolgend ein Beispiel, welches diesen Unterschied verdeutlicht: Stellen Sie sich einmal vor, Sie spazieren eines schönen Tages durch den Wald und plötzlich kreuzt ein ausgewachsenes (und nicht unbedingt freundlich dreinschauendes) Wildschwein Ihren Weg und blickt Ihnen laut schnaubend in die Augen. Dass es an dieser Stelle angemessen ist, Angst zu empfinden (und schleunigst die Beine in die Hand zu nehmen), dürfte wohl jedem klar sein.


Doch wie sieht es mit folgender Situation aus: Sie sind auf eine Feier eingeladen, auf der Sie außer dem Gastgeber niemanden kennen. Sie stoßen dazu und bemerken, wie in Anwesenheit all der fremden Leute plötzlich Ihre Hände feucht werden, ihr Herz klopft schneller, ihr Mund wird trocken und ihre Gedanken beginnen zu rasen: ‚Jetzt stehe ich hier rum wie bestellt und nicht abgeholt – wie peinlich… Ich sollte mich irgendwie ins Gespräch einklinken, aber wie? Und mit wem? Und worüber überhaupt? Bin ich überhaupt angemessen gekleidet? Also wenn ich mich hier so umsehe...‘. In dieser Situation würde wohl kaum jemand behaupten, dass die hier auftretenden sozialen Ängste angemessen oder sinnvoll wären.


Und genau diese Unverhältnismäßigkeit charakterisiert eine Vielzahl von Ängsten, die der moderne Mensch heutzutage erlebt. Dementsprechend sind klinisch bedeutsame Ängste definitionsgemäß durch die Einsicht der Betroffenen charakterisiert, „dass die Symptome (…) übertrieben und unvernünftig sind“ (2). Dies soll jedoch keineswegs in Abrede stellen, dass Betroffene eine deutliche emotionale Belastung durch ihre Angstsymptome verspüren. Zwar ist die Angst in derartigen Situationen übersteigert – aber deshalb nicht weniger beeinträchtigend oder gar „eingebildet“, sondern durchaus real.


Doch nicht nur bei bereits voll ausgeprägten Angststörungen besteht ein großer Leidensdruck. Auch unterschwellige („subklinische“) Ängste können sehr belastend sein. Außerdem sind die Übergänge von nicht krankhaften Ängsten hin zur Entwicklung einer Angststörung fließend und das Risiko für Letzteres erhöht sich, je länger die Angst (z.B. durch Vermeidung) aufrechterhalten wird. Daher gilt:


2. Vorsorge ist besser als Nachsorge:

Im Rahmen meiner psychotherapeutischen („Offline“-)Tätigkeit mache ich häufig die Erfahrung, dass Betroffene oftmals viel Zeit (mitunter mehrere Jahre) verstreichen lassen, bis sie schließlich eine Behandlung aufsuchen. Die Mehrheit der Betroffenen (rund 60 % der Befragten in einer Studie der Universität Dresden (3)) nehmen jedoch nie externe Hilfe in Anspruch, sondern „ergeben sich ihrem Schicksal“. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Häufig besteht große Scham, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, oder Angst „was einen da erwartet“. Häufig schöpfen Betroffene daher zunächst die breite Palette an – mehr oder weniger hilfreichen – Selbsthilfeangeboten (z.B. Ratgeber, Foren, Seminare) aus, bevor sie schließlich professionelle psychologische Unterstützung hinzuziehen.


Viele unter ihnen versuchen überdies (oft vergeblich), ihre Ängste durch Vermeidung, Flucht oder so genanntes Sicherheitsverhalten (z.B. Einnahme von Beruhigungsmitteln) in Schach zu halten. Diese Verhaltensweisen erweisen sich jedoch – wenn überhaupt – nur kurzfristig als hilfreich gegen die Angst. Auf lange Sicht verschlimmern sie die Symptomatik mit hoher Wahrscheinlichkeit.


Fest steht: Je früher sich Betroffene - idealerweise mit professioneller Unterstützung - ihren Ängsten stellen, umso besser ist die langfristige Perspektive auf ein aktives Leben, das nicht von lähmender Angst behindert wird.


3. Angst: Hindernis oder Motivator?

Die Antwort lautet: Sowohl als auch. Es besteht kein Zweifel daran, dass Angst ein sehr beklemmendes, unangenehmes Gefühl ist. Zugleich kann der richtige Umgang mit ihr aber auch zu einer zielführenden Veränderung des eigenen Verhaltens führen, eben um die Angst zu überwinden und ein Leben gemäß der eigenen Wünsche, Ziele und Werte zu gestalten.


An dieser Stelle kann folgendes Bild hilfreich sein: Versuchen Sie, sich die Angst nicht als unüberwindbare Barriere vor sich, sondern stattdessen als treibende Kraft hinter sich vorzustellen, die Ihnen den nötigen Antrieb zu einem aktiven, sinnerfüllten Leben gibt. Wenn es nämlich gelingt, sich durch die Angst nicht von der Umsetzung persönlicher Ziele abhalten zu lassen, schwindet diese allmählich mit jedem Schritt in die gewünschte Richtung. In diesem Sinn lässt sich Angst auch als Wegweiser bzw. Informationsquelle verwenden, indem sie Mangelzustände im eigenen Leben bewusst macht und zugleich Energie mobilisiert, um diese zu beheben. Dies erfordert vor allem am Anfang den Mut, „ins kalte Wasser zu springen“ und sich mit den eigenen Ängsten auseinanderzusetzen. Doch dieser anfängliche Mut wird schließlich auch gebührend entlohnt, nämlich durch das Wiedererlangen von Kontrolle über die eigenen Lebensumstände und den Stolz, über sich selbst hinausgewachsen zu sein!


Wenn Sie sich professionelle Unterstützung bei diesem „Sprung ins kalte Wasser“ und auf dem Weg zu ihrer persönlichen Vision eines sinnerfüllten Lebens jenseits Ihrer Angst wünschen, dann kontaktieren Sie mich gerne. Ich freue mich über Ihre Kontaktaufnahme!



Quellen:

(1) Morschitzky, H. (2009). Häufigkeit und Verlauf von Angststörungen. In Angststörungen (pp. 185-198). Springer, Vienna.


(2) Dilling, H., & Freyberger, H. J. (2012). Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen


(3) Margraf, J. & Poldrack, A. (2000). Angstsyndrome in Ost- und Westdeutschland: Eine repräsentative Bevölkerungserhebung. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 29, 157– 69.