Die Macht des Reframing

„Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung“


Antoine de Saint-Exupéry

Blick durch Fensterscheiben auf Wolkenhimmel

In diesem Blogartikel möchte ich Ihnen mit dem so genannten „Reframing“ eine Technik vorstellen, mit deren Hilfe es gelingt, neue Perspektiven auf ein vorhandenes Problem einzunehmen und dadurch lösungsorientierte Denk- und Verhaltensmuster anzustoßen.


Die ursprünglich aus der systemischen Familientherapie stammende Technik des Reframing (von engl. „frame“ = „Rahmen“), welches sich am besten als „Neurahmung“ übersetzen lässt, bezieht sich auf die Umdeutung einer Situation durch deren Betrachtung aus einem anderen Blickwinkel (bzw. durch einen anderen „Rahmen“), sodass bisher nicht wahrgenommene Aspekte ersichtlich werden.


Stellen Sie sich zur Veranschaulichung dessen einmal vor, Sie befinden sich in einem Haus mit mehreren Fenstern (und Fensterrahmen). Das, was Sie von der Welt außerhalb des Hauses wahrnehmen können, wird von den Eigenschaften des jeweiligen Fensters bzw. Rahmens bestimmt. Je nach Position, Größe, Dicke und Ausrichtung des Rahmens fallen ganz unterschiedliche Ausschnitte der Außenwelt ins Auge (hier lassen sich beliebig weitere Aspekte ergänzen, die den „Bildausschnitt“ verändern, z.B. die eigene Position vor dem Fenster, die Beschaffenheit und Farbe der Scheibe usw.).


Übertragen auf unseren Alltag bedeutet dies, dass unsere Sicht der Dinge häufig stark begrenzt wird durch unseren persönlichen Blickwinkel auf die Welt, auf andere Menschen und nicht zuletzt auf uns selbst. Wir sehen die Welt also nicht so, wie sie wirklich ist, sondern nur ausschnittsweise durch unseren persönlichen Bedeutungsrahmen hindurch. Dieser Umstand ist Fluch und Segen zugleich. Fluch deshalb, weil unterschiedliche Sichtweisen auf ein und dieselbe Situation bekanntermaßen schnell zu Widersprüchen führen können. Zugleich aber auch ein Segen, weil eine „Neurahmung“ und somit die Chance auf ein objektiveres Bild der Situation jederzeit möglich ist.


Die Entstehung des eigenen „Rahmens“:

Doch woraus setzt sich unser persönlicher Deutungsrahmen überhaupt zusammen? Letztendlich sind es die im Laufe unseres Lebens erworbenen Konditionierungen und Glaubenssätze (= Annahmen über die Welt, über unsere Mitmenschen und über uns selbst) die den „Rahmen“ bilden, durch welchen wir die Dinge betrachten.


Erinnern Sie sich beispielsweise einmal an Ihre Schulzeit zurück. Wie haben Ihre damaligen Erfahrungen mit Referaten vor versammelter Klasse den „Rahmen“ für Ihre Sichtweise auf Vorträge vor anderen Menschen geprägt? Möglicherweise hat ein einmalig misslungenes Referat zu Glaubenssätzen geführt wie „Vorträge zu halten ist furchtbar“, „als Redner/in bin ich vollkommen ungeeignet“ oder „andere Menschen sind übermäßig kritisch“. Die Folge ist mit hoher Wahrscheinlichkeit eine zukünftige Vermeidung vergleichbarer Situationen und ein Ausblenden von Begebenheiten, die der erworbenen Sichtweise widersprechen (z.B. die nachfolgende Erfahrung eines gelungenen Referates). Der ursprüngliche Bedeutungsrahmen verfestigt sich somit, wodurch auch die eigenen Denkmuster und Handlungsmöglichkeiten zunehmend unflexibel werden.


Demgegenüber könnten Sie aber nach dem verpatzten Schulreferat auch zur Einsicht gelangt sein, dass „noch kein Meister vom Himmel gefallen“ ist und Sie beim nächsten Mal früher mit der Vorbereitung beginnen sollten, was Sie dann wahrscheinlich auch gemacht hätten. Dieses simple Reframing veranschaulicht, wie der jeweilige Blickwinkel auf ein- und dieselbe Ausgangssituation (misslungenes Referat) zu ganz unterschiedlichen Emotionen (Frustration vs. Zuversicht) und Verhaltensweisen (Resignation vs. Motivation) führen kann.


Als Zwischenfazit lässt sich festhalten: Die Interpretation persönlicher Lebensumstände (also unser „Framing“) spiegelt immer nur unsere eigene, ganz subjektive Sichtweise wider. Dies geht wiederum mit ganz unterschiedlichen Gefühlen und Verhaltensimpulsen einher, was sich langfristig entweder zu unserem Nachteil oder – im Falle eines positiven Reframings – zu unseren Gunsten auswirkt.


Die praktische Umsetzung:

Wie lässt sich Reframing nun also konkret nutzen, um unsere Sichtweise und Reaktion auf bestimmte Begebenheiten positiv zu beeinflussen? Zunächst gilt es, sich bewusst zu machen, dass der eigene Rahmen nur eine der vielen möglichen Sichtweisen beinhaltet und somit auch verändert werden kann. Es gilt also, die eigenen Ansichten dahingehend zu überprüfen, ob sie die objektiven Tatsachen widerspiegeln oder lediglich unsere persönliche Meinung. Sollte letzteres der Fall sein, bietet sich die Möglichkeit eines positiven Reframings an.


Angenommen, Ihnen widerfährt etwas Problematisches oder Sie gehen durch eine persönliche Krise. Ein häufig zu beobachtender „Rahmen“ in diesem Zusammenhang wäre der Gedanke: „Wie furchtbar, warum passiert das ausgerechnet mir?“, verbunden mit Gefühlen von Niedergeschlagenheit, Ärger und Frustration.


Ein Reframing dessen könnte z.B. mithilfe folgender Fragen bewirkt werden:


„Was kann ich aus dieser Erfahrung lernen?“

„Inwiefern hilft mir dieses Erlebnis weiter?“


Durch die Anwendung eines solchen Reframings könnte beispielsweise aus der Annahme „Ich muss perfekt sein und darf keine Fehler machen“ die neue, hilfreichere Sichtweise entstehen: „Jeder Fehler hilft mir, meinen Kurs zu korrigieren und etwas dazuzulernen“.


Auch wenn es zunächst paradox oder unsinnig klingt, kann selbst eine provokative Frage wie „Aus welchem Grund ist dieses Ereignis großartig?“ zu einem ganz neuen Blick auf die Situation verhelfen. Denn die gedankliche Auseinandersetzung mit Fragen, die dem bisherigen Rahmen zuwiderlaufen, wird dem eigenen Verstand früher oder später Antworten entlocken.


In dem Augenblick, wo der Aufmerksamkeitsfokus auf Wachstums- und Lerngelegenheiten anstatt auf Bedrohung und Scheitern gerichtet ist, verändert sich zugleich auch das emotionale Erleben und es entstehen zielgerichtete Handlungsimpulse.


Folgendes Zitat über die Konsequenzen des richtigen bzw. falschen Framings von Henry Ford bringt diesen Umstand gut zum Ausdruck:


“Whether you think you can, or you think you can't – you're right.”


Ein weiteres Beispiel für den Nutzen von Reframing ist dessen Anwendung im Umgang mit Rückschlägen: Anstatt die eigene Motivation durch Selbstvorwürfe („ich habe versagt“, „ich werde es nie schaffen“…) zu sabotieren, könnte ein gedankliches Reframing zum Beispiel folgendermaßen lauten: „Aller Anfang ist schwer. Doch jede gute Erfolgsstory fängt holprig an. Und dadurch werde ich meinen späteren Erfolg auch umso mehr wertschätzen und schließlich mit einem stolzen Lächeln auf meine bescheidenen Anfänge zurückblicken“.


Darüber hinaus hilft es oftmals, den eigenen Rahmen – bildhaft gesprochen – zu vergrößern, um die Tragweite des aktuellen Problems richtig einzuschätzen. Rückschläge sind nämlich beim richtigen Umgang damit in der Regel nur kurze Ereignisse, die beim „Heraus-Zoomen“ bzw. Vergrößern des Rahmens nur als minimaler Knick in einem langfristigen Aufwärtstrend in Erscheinung treten. Daher lohnt es sich, das jeweilige Problem auch vor seinem zeitlichen Hintergrund zu betrachten, z.B. durch die Frage: „Wird mich dieses Problem auch noch in [beliebiger Zeitraum] beschäftigen oder handelt es sich nur um eine Momentaufnahme in meinem Leben?“


Fazit:

Um vom Nutzen des Reframings gezielt zu profitieren, empfiehlt es sich, regelmäßig mit den Begebenheiten des alltäglichen Lebens zu üben. Versuchen Sie in den kommenden Tagen einmal, sich Ihre gedankliche Reaktion auf vermeintlich problematische Alltagsereignisse bewusst zu machen und diesen durch die Anwendung von Reframing eine neue, hilfreiche Bedeutung zu verleihen. Seien Sie dabei kreativ und experimentieren Sie mit unterschiedlichen Formulierungen. Beziehen Sie ruhig auch ein wenig Humor mit ein – das alleine bewirkt oftmals schon einen Perspektivwechsel und mehr Distanz zum Geschehen. Auch wenn Ihr rationaler Verstand zunächst protestiert und nicht unmittelbar von der neuen Sichtweise überzeugt ist („So ein Unsinn. Die Situation ist unerträglich. Das kann gar nicht funktionieren…“) – im Laufe der Zeit wird sich schließlich eine größere Flexibilität und Kreativität im Umgang mit schwierigen Situationen einstellen. Letztendlich geht es beim Reframing darum, sich von festgefahrenen Denkmustern zu lösen und sich neuen Betrachtungsweisen zu öffnen.


Zum Abschluss möchte ich Ihnen noch den Kommentar eines befreundeten Kollegen mitgeben, der einmal im Zusammenhang mit einer schwierigen Lebensphase mit einem Grinsen im Gesicht zu mir sagte: „Immerhin ist was los in meinem Leben. Alles andere wäre ja wohl auch langweilig“.

Mein nächster Blog-Artikel wird sich mit der konkreten Anwendung von Reframing im Zusammenhang mit Angst beschäftigen. Bis dahin wünsche ich Ihnen viel Erfolg beim Üben!


Falls Sie sich individuelle Unterstützung bei der Entwicklung neuer Sichtweisen und Hilfestellungen zur Überwindung von Ängsten wünschen, dann senden Sie mir gerne eine Nachricht. Ich freue mich über Ihre Kontaktaufnahme!

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